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"Das Vorstellungsgespräch" auf VOX - Schulfernsehen oder Schmarrn?

Seit einigen Wochen hat der Fernsehsender Vox am Dienstagabend eine neue Doku im Programm: „Das Vorstellungsgespräch” lautet der knappe Titel. Doch was steckt dahinter? Etwa ein aufgebauschtes Format, bei dem die Bewerber vor einer fiesen Jury in Tränen ausbrechen? Oder eine dieser Sendungen, in denen sich ein Sprecher über die Kandidaten lustig macht und die Teilnehmer oft gar nicht verstehen, worauf sie sich eingelassen haben?

Ich war also mehr als skeptisch, als ich mich vor den Fernseher gesetzt habe. Denn immerhin ist das mein Thema, da interessiert es mich schon, was meine Kunden womöglich am Abend zuvor im Fernsehen „gelernt“ haben. Hier also meine erste Fernseh-Kritik.

Das Vorstellungsgespräch auf Vox

Die folgende Zusammenfassung bezieht sich auf Folge drei „Reptilium und Dawanda“, die am 17.10.2017 ausgestrahlt wurde

Das Warten

Die Sendung beginnt im Empfangsbereich eines Mietbüros. Denn alle Vorstellungsgespräche finden im selben Raum statt, egal um welche Firma es sich handelt. Das hat vermutlich produktionstechnische Gründe, denn so muss der Sender sich nur einmal um Licht, Ton und Kameras kümmern. Manche Firma möchte vielleicht auch gar nicht, dass in den eigenen Räumen gefilmt wird.

In der ersten Runde geht es um einen Job als Tierpfleger für Reptilien. Es gibt drei Bewerber, die alle im Wartebereich gefilmt und auch kurz vorgestellt werden. Hier es auch schon die erste positive Überraschung: sowohl die Firma als auch die Bewerber sind echt! Das ist in den heute üblichen Doku-Soaps keine Selbstverständlichkeit. Doch hier spielt niemand eine Rolle, wir sehen echte Bewerber, die sich um einen echten Job bemühen.

Gerade die Szenen im Wartebereich zeigen eindrucksvoll, wie schlimm sich die letzten Minuten vor einem Gespräch oft anfühlen: Jetzt ist die Unsicherheit am größten, und als Zuschauer kann man die ganze Bandbreite an Stressreaktionen erleben. Doch auch hier wird nichts gekünstelt oder übertrieben. Es sind ganz typische Reaktionen, die die Firmen so jeden Tag zu sehen bekommen.

Das Gespräch

Die Gespräche selber sind natürlich massiv gekürzt. Viele Gesprächsphasen fehlen komplett, gezeigt wird nur das, was Bewerbern ohnehin Angst macht: die Fragen der Firma. Und selbst davon gibt es nicht viele. 4-6 Fragen im Schnitt, dann wird sich schon wieder verabschiedet.

Schön ist aber auch hier, dass keine übermotivierte Redaktion versucht hat, besonders reißerische oder dramatische Fragen vorzugeben. Es sind (fast) durchweg Fragen, die so auch in anderen Gesprächen gestellt werden. Dabei werden die Antworten der verschiedenen Bewerber direkt nacheinander gezeigt. Als Zuschauer hat man so den Luxus, die verschiedenen Bewerber sehr direkt miteinander vergleichen können. Für die Firmen ist das in der Realität deutlich schwieriger, da gerne mal mehrere Tage zwischen den einzelnen Gesprächen liegen.

Für den Zuschauer wird es allerdings auch schwierig, da die Antworten aus dem Gespräch noch um Kommentare ergänzt werden, die die Bewerber alleine vor der Kamera abgegeben haben. Wer hier „mitraten” will, wer den Job am Ende bekommt, sollte ganz bewusst darauf achten, dass die Firma diese Informationen nicht bekommen hat.

Die Entscheidung

Bis zur Entscheidung vergehen Tage, manchmal Wochen. Auch hier bleibt die Sendung realistisch. Dann ruft die Firma die Bewerber an, um ihnen die Entscheidung mitzuteilen. Das ist auch der einzige Part, bei dem Realität und TV weit auseinanderklaffen: denn auch die Bewerber, die den Job nicht bekommen, erhalten von der Firma eine ausführliche Begründung. Im echten Leben besteht eine Absage meist jedoch nur aus wenigen, nichtssagenden Worten:

‘es tut uns sehr leid… Ein anderer Kandidat, war besser qualifiziert …“

Dann folgt noch etwas sehr Schönes: Es gibt ein paar Fotos, die den Bewerber im neuen Job zeigen sowie einige Informationen, wie es später weitergegangen ist. Und auch hier wird nichts geschönt: die Bewerberin aus der ersten Runde verliert ihren Job noch während der Probezeit. Und auch die Bewerberin aus der zweiten Runde hatte wenig Glück: zwei Wochen nach ihrem Einstieg wurde ihre Abteilung aufgrund finanzieller Probleme geschlossen.

Mein Fazit

Zumindest in dieser Folge war ich positiv überrascht, wie realitätsnah die gezeigten Gespräche sind. Natürlich sind die Gespräche und Antworten sehr kurz zusammengeschnitten. Doch ganz ehrlich: mehrere Vorstellungsgespräche in ganzer Länge, das möchte wirklich niemand im TV sehen. Dafür ist das, was gezeigt wird, kaum verfälscht. Das ist im heutigen Fernsehen eine Seltenheit.

Neben der Nervosität und der ganz unterschiedlichen Motivation der Bewerber werden auch die Probleme der Firma sehr ehrlich gezeigt. Auch die sind nach den Gesprächen oft unsicher, welcher Kandidat jetzt wirklich der oder die beste wäre. Was mir hier aufgefallen ist, dass von Firmenseite keine Personaler anwesend waren. Die Gespräche zeigen daher am ehesten, was einen Bewerber in kleinen bis mittleren Firmen erwartet. In großen Firmen laufen die Gespräche meist weniger persönlich, dafür aber sehr strukturiert ab.

Ich kann diese Sendung als Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche tatsächlich wärmstens empfehlen. Dazu meine Tipps:

- Achten Sie im Wartebereich auf die Bewerber. Wie sprechen Sie zum Beispiel mit den Damen, die am Empfang sitzen? Auch deren Meinung wird in der Entscheidung später wichtig sein. Das scheinen einige Bewerber verstanden zu haben, andere nicht.

- Schauen Sie sich ruhig mal ein Gespräch ohne Ton an. Sie werden merken, wie wichtig die Körpersprache ist. Selbst ohne zu hören, was der Bewerber sagt, werden Sie ein gutes Bild davon bekommen, wie er auf seine Gesprächspartner wirkt.

- Überlegen Sie mit: wen würden Sie einstellen? Der Bewerberin, die in der Probezeit wieder gekündigt wurde, hätte ich den Job zum Beispiel nicht gegeben. Da es sich hier um echte Menschen, keine Schauspieler handelt, werde ich die Gründe dafür nicht nennen. Doch allein, sich darüber Gedanken zu machen hilft schon, sich noch besser auf das nächste eigene Gespräch vorzubereiten

„Das Vorstellungsgespräch” läuft zur Zeit jeden Dienstag um 22:50 Uhr und ist auch online zu sehen.

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