Mehrere Gespräche am selben Tag

Was haben ein Fahrstuhl, ein Zauberer und fünf Gespräche miteinander zu tun? Sie sind die überraschende Lösung für ein alltägliches Problem. Aber eins nach dem anderen:

An einem herbstlichen Donnerstag kam ich ins Büro und wurde ich von dieser E-Mail begrüßt:

Ich wollte einen kurzen Zwischenstand durchgeben. Von 13 Bewerbungen habe ich 4 Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommen. Alle am Montag und Dienstag nächster Woche.

„Großartig!“, war meine spontane Reaktion. Und da ich gute Nachrichten sehr gerne teile, habe ich auch diese Nachricht in der Facebook-Gruppe gepostet. Überrascht war ich allerdings, wie zwiegespalten die Reaktionen darauf waren.

Neben einigen Likes kamen schnell auch Stimmen, die eher besorgt waren: Ist es nicht furchtbar, so viele Gespräche in so kurzer Zeit zu führen? Da kann man sich nicht wirklich konzentriert vorbereiten!

Und ehrlich gesagt: Früher hätte ich vermutlich auch so reagiert. Doch inzwischen habe ich so viel dazugelernt, dass ich die große Chance darin sehe.

Das Problem

Hätten Sie Angst, sich an einem Tag mit mehreren Menschen zu unterhalten? Vermutlich nicht, denn das tun Sie sowieso jeden Tag. Also, wenn nicht gerade eine globale Pandemie ist. Warum dann diese ganz andere Reaktion, wenn es sich um mehrere Vorstellungsgespräche handelt?

Weil wir ein bestimmtest Bild dazu im Kopf haben:
Vorstellungsgespräch = Prüfung

Dieses Bild ist zwar zwei verbreitet, aber nicht hilfreich. Denn es hat ganz schön harte Konsequenzen: Eine Prüfung kann man bestehen, man kann aber auch durchrasseln. Für eine Prüfung muss man lernen. Und in einer Prüfung gibt es falsche und richtige Antworten.

Vorstellungsgespräch

Das alles trifft auf Vorstellungsgespräche nicht zu.

In einem Jobinterview geht es nicht darum, ob Sie „richtig“ oder „falsch“ sind. Es geht darum, ob Sie zur Firma, zum Team und zur Aufgabe passen. Und das wollen beide Seiten herausfinden, die Firma und Sie selber.

Nehmen wir mal an, Sie bereiten sich ausgiebig vor und recherchieren im Internet nach den „richtigen“ Antworten. Vielleicht suchen Sie sogar noch nach Tipps zur Körpersprache und lernen, wie man „richtig“ sitzt. Und dann verstellen Sie sich im Gespräch so gut, dass Sie am Ende den Job bekommen.

Ist das dann ein Grund zur Freude?

Eher nicht! Denn jetzt haben sich beide Seiten um die Chance gebracht, herauszufinden, ob es wirklich passt! Die Firma glaubt jetzt, dass Sie so sind, wie Sie sich im Gespräch dargestellt haben. Also müssen Sie das immer wieder machen. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Wie lange kann das gutgehen?

Wenn Sie sich hingegen so zeigen, wie Sie sind – mit Ecken und Kanten – dann werden Sie weniger Zusagen erhalten als mit der anderen Einstellung. Aber die Firmen, die Ihnen am Ende einen Job anbieten, die haben auch wirklich SIE gesucht. Und Sie dürfen jeden Tag so sein, wie Sie sind. Traumhaft, oder?

Das alles rational zu verstehen ist die eine Sache – es wirklich zu verinnerlichen, zu fühlen und vor allem auch umzusetzen, das ist eine ganz andere. Denn das alte Bild (die Prüfung) trifft unser Angstzentrum, und das lässt sich mit dem Verstand nicht überzeugen.

Wir brauchen also andere Methoden – und da kommt der Fahrstuhl ins Spiel.

Dean Martin nimmt die Treppe

Dean Martin war ein großartiger Sänger und Entertainer. Auf der Bühne spielte er den lässigen Sonnyboy, den absolut nichts aus der Ruhe bringen kann. Doch privat gab es da schon ein paar Dinge.

Vorstellungsgespräch

Eine seiner größten Ängste waren Fahrstühle. Die Treppe war seine bevorzugte, wenn auch deutlich anstrengendere Methode, die oberen Stockwerke zu erreichen. Sehr zur Belustigung seiner Kollegen, die immer entspannt und vor allem vor ihm ankamen.

Irgendwann hatte er dann genug. Er wollte endlich nicht mehr seine Angst bestimmen lassen, er wollte selber seine Entscheidungen treffen. Und die traf er dann auch:

Er schnappte sich einen Stuhl, ging in den Aufzug eines sehr hohen Gebäudes und setzte sich hin. Und dann fuhr er auf und ab. Auf und ab. Stundenlang. Solange, bis er keine Angst mehr spürte. Tatsächlich hat er es so geschafft, sich selber zu kurieren.

Was der Verstand nicht konnte („Fahrstühle sind ungefährlich“), hat das Erleben innerhalb von Stunden vollbracht.

Was der kann, kann ich auch

Wer mich kennt (oder googelt) weiß, dass ich im Nebenberuf Zauberer bin. Schon eine erschreckend lange Zeit. Vor Corona verbrachte ich meine Wochenenden damit, durch die Glitzerwelt der Dorfgasthöfe zu ziehen und dort meine Show zu zeigen. Und das macht mir einen riesigen Spaß.
Aber auch das war nicht immer so.

Vorstellungsgespräch

Am Anfang waren die Auftritte als Zauberer eher eine Hass-Liebe. Ich mochte es sehr, aber es hat mich wahnsinnig angestrengt. Vor dem Auftritt konnte ich vor Lampenfieber stundenlang nichts essen, nach dem Auftritt war ich erschöpft und froh, es hinter mir zu haben.

Immer wieder dachte ich mir „Mach dir nicht so einen Stress, es läuft doch immer prima“ – aber Sie wissen, Verstand und Gefühl, das passt nicht so gut zusammen.

Doch dann kam ein Tag, an dem ich mehrere Auftritte gleichzeitig hatte – vier Stück. Von morgens um 10 bis Abends um 22 Uhr. In drei Bundesländern.

Und der Tag hat alles verändert.

Denn zum ersten Mal hatte ich – unbewusst – den Kreislauf der Angst durchbrochen. Der funktionierte nämlich bisher so:

Vorstellungsgespräch

Ich habe zwar nach jedem Auftritt gespürt, dass die Aufregung umsonst war, aber bis zum nächsten Mal war dieses Gefühl natürlich schon lange wieder weg. Nur an diesem Tag nicht, da sah es so aus:

Vorstellungsgespräch

Zum ersten Mal konnte ich das Gefühl der Erleichterung unverfälscht in den nächsten Auftritt mitnehmen. Und beim letzten Auftritt des Tages war ich so locker wie noch nie zuvor.

Zurück zum Thema Bewerbung

Das war ein ganz schön unerwarteter Exkurs, oder? Doch ich hoffe Sie sehen schon, wohin das Ganze führen soll:

Die Kundin hat fünf Gespräche, relativ kurz hintereinander. Und ich bin mir jetzt schon sicher, dass Sie Folgendes erleben wird:

Vorstellungsgespräch

Sie hat die großartige Chance zu spüren und zu verinnerlichen, dass Vorstellungsgespräche keine Prüfung sind. Dass es ein gegenseitiges Kennenlernen ist.

Häufig werden wir erst dann in etwas richtig gut, wenn wir es oft machen. Das ist bei Vorstellungsgesprächen nicht anders.

Sie wird Dinge, die sie im ersten Gespräch gestört haben, sofort mitnehmen und im zweiten Gespräch anders machen können. Sie wird spüren, dass Sie immer ruhiger wird. Da das Angstzentrum im Gehirn begreift: Das ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorher selber einrede.

Diese Ruhe wird Sie ausstrahlen - und Ihre Chancen damit zusätzlich erhöhen.


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Ich helfe Ihnen dabei, schneller an einen neuen Job zu kommen. Jede Bewerbung ist ein Unikat, auf Sie maßgeschneidert, ohne Textbausteine und Floskeln.
Volker Klärchen
Bewerbungscoach
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