Soll ich im Vorstellungsgespräch die Wahrheit sagen?

Anfang der Woche hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Kundin. Sie war schon mittendrin, sich zu bewerben. Und sie erhielt auch Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, das war alles kein Problem. Es war etwas ganz anderes, das ihr Sorgen bereitete:

"In meiner jetzigen Firma ist es furchtbar. Die Führungskräfte interessieren sich überhaupt nicht mehr für die Mitarbeiter, aber alle spielen heile Welt. Bei meinem nächsten Job möchte ich sichergehen, dass ich nicht vom Regen in die Traufe komme. Aber dafür habe ich nur ein Gespräch von 60, vielleicht 90 Minuten. Wie kann ich in der Zeit herausfinden, ob diese Firma wirklich so ist, wie sie behauptet?"

Ich konnte ihre Sorge so gut verstehen! Denn natürlich wird eine Firma beim ersten Kennenlernen nicht über die eigenen Leichen im Keller sprechen. Da zeigt sie sich selbstverständlich von ihrer besten Seite: "Das Arbeitsklima? Großartig! Die Führungskräfte? Kompetent und kritikfähig! Die Arbeitszeiten? Flexibel und familienfreundlich! Natürlich haben wir auch ab und zu Spitzenzeiten, wo mal Überstunden gemacht werden müssen. Aber das ist die Ausnahme."

Doch wird es in der Realität auch wirklich so sein? Wer garantiert Ihnen, dass das die Wahrheit ist? "Das Arbeitsklima? Bei uns spricht der eine nicht mit dem anderen. Führungskräfte? Eingebildet und mit völlig utopischen Vorstellungen, was wir leisten können. Arbeitszeiten? Die Sonne habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Mal früher gehen können? Das ist die Ausnahme!"

Besonders dann, wenn Sie gerade aus einer solchen Firma kommen, werden Sie einen Gedanken während des Gesprächs nicht verdrängen können: Sagt die Firma die Wahrheit?

Wahrheit im Vorstellungsgespräch

An dieser Stelle unterbreche ich unsere Geschichte kurz. Vielleicht schütteln Sie sich kurz aus, denn jetzt wechseln wir die Perspektive:

Eine Firma sucht einen neuen Mitarbeiter. Sie ist schon mittendrin, Bewerber zu sichten. Und sie findet auch passende Kandidaten, das ist alles kein Problem. Es ist etwas ganz anderes, das ihr Sorgen bereitet:

"Der vorherige Mitarbeiter war furchtbar. Er war unzuverlässig, kam immer zu spät und war auch für seine Kollegen nie ansprechbar. Bei seinem Nachfolger wollen wir nun sichergehen, dass wir nicht vom Regen in die Traufe kommen. Aber dafür haben wir nur ein Gespräch von 60, vielleicht 90 Minuten. Wie können wir herausfinden, ob dieser Bewerber wirklich so ist, wie er behauptet?"

Ich kann diese Sorge so gut verstehen! Natürlich wird ein Bewerber beim ersten Kennenlernen nicht über die eigenen Defizite sprechen. Der zeigt sich natürlich von seiner besten Seite: "Teamfähig? Klar, ich komme mit allen Menschen zurecht. Flexibel? Man nennt mich auch den Gummibaum! Motiviert? Bis in die Zehenspitzen!"

Doch wird es in der Realität auch wirklich so sein? Wer garantiert, dass das die Wahrheit ist? "Teamfähig? Diva würde es wohl eher treffen! Flexibel? Wer nach 16:00 Uhr was von ihm will, kann sehen, wo er bleibt. Motiviert? Wie ein nasser Sack!"

Besonders dann, wenn Sie gerade so einen Mitarbeiter in Ihren Reihen hatten, werden Sie einen Gedanken während des Gesprächs nicht verdrängen können: Sagt der Bewerber die Wahrheit?

Wahrheit im Vorstellungsgespräch

Ich gebe zu, ich habe die Parallelen jetzt ausgiebig ausgekostet. Doch es war mir wichtig, eine Sache ganz unmissverständlich zu zeigen: Firma und Bewerber befinden sich in derselben Misere. Jeder misstraut dem anderen. Jeder versucht, sich im besten Licht darzustellen. Und hat gleichzeitig Angst, dass der andere das auch macht. Am Ende stehen sich dann zwei Parteien feindselig gegenüber. Das nennt man einen Teufelskreis.

Ausbruch aus dem Teufelskreis

Die Lösung ist ebenso einfach wie mutig: Sagen Sie im Vorstellungsgespräch die Wahrheit. Sie haben vielleicht schon mal gehört, dass jemand "entwaffnend" ehrlich ist. Das kann wahre Wunder bewirken. Selber kein Spiel zu spielen, sondern geradeheraus zu antworten kann helfen, den Teufelskreis zu unterbrechen.

Schauen wir mal, wie das in der Praxis aussehen könnte. Nehmen wir an, Sie bewerben sich auf einen Job, bei dem Kenntnisse im Umgang mit SAP gefordert sind. Für alle, die noch nie damit arbeiten mussten: Mit dieser Software können Sie so ziemlich alle Prozesse im Unternehmen abbilden: Lohn und Gehalt, Personal oder Bestellungen. Ihr einziges Problem: Sie haben SAP noch nie im Leben benutzt. Mit welcher Strategie gehen Sie jetzt ins Gespräch?

Variante 1

Sie behaupten einfach, dass Sie SAP schon mal benutzt haben. Weil Sie schlau sind, werden sie dazu sagen, dass das schon eine ganze Weile her ist. Damit könnten Sie erklären, warum Sie nicht jede Frage dazu aus dem Stegreif beantworten können. Doch hey, das ist wie Radfahren: Was man einmal gelernt hat, das verlernt man auch nicht wieder.

Außerdem sind Sie ein technikaffiner Mensch – das stimmt auch wirklich – und bis Sie den Job antreten müssen, können Sie sich das locker selber beibringen.

Was wird im Gespräch passieren, wenn das Thema SAP zur Sprache kommt? Ein geschulter Personaler wird Ihnen die gesteigerte Nervosität sofort anmerken. Das ist dann immer eine Einladung, tiefer nachzubohren:, "Sie haben also schon mit SAP gearbeitet? Mit welchen Modulen denn?"

Und - zack - hat man Sie ertappt. Denn als SAP-Neuling wissen Sie vielleicht gar nicht, dass die einzelnen Bestandteile des Programms "Module" genannt werden. Und dass jedes Modul seinen eigenen Namen hat. Und jeder, wirklich jeder, der damit schon mal gearbeitet hat, kann diese Modulnamen ohne Probleme aus dem Ärmel schütteln.

Nun können Sie noch so treuherzig behaupten, dass Sie sich das selber aneignen werden – das Vertrauen ist beschädigt. Ab jetzt wird es sehr schwer werden, die Firma noch von sich zu überzeugen.

Variante 2

Sie stehen dazu, dass Sie SAP noch nie gesehen haben. Aber Sie stehen genauso dazu, dass Sie technikaffin sind und keine Angst davor haben, sich in dieses neue Thema einzuarbeiten. Und weil Sie schlau sind, überlegen Sie sich schon jetzt ein passendes Beispiel: Wo haben Sie diese Fähigkeit schon mal unter Beweis gestellt? Vielleicht wurde in Ihrer Firma mal eine neue Software eingeführt, die Sie als einer der ersten verstanden und erfolgreich angewendet haben?

Was wird dieses Mal im Gespräch passieren? Die Frage nach SAP werden Sie wahrheitsgemäß verneinen. Zusätzlich werden Sie dem Personaler sofort erklären, warum das aus Ihrer Sicht kein großes Hindernis ist. Sie werden von Ihren Erfahrungen berichten, wie Sie schon in der Vergangenheit erfolgreich mit komplexen IT-Systemen gearbeitet haben. Auch hier wird die Firma wahrscheinlich weiter nachhaken – da Sie aber von einer wahren Begebenheit erzählen, werden Sie ohne Probleme weitere Details dazu liefern können.

Die Firma hat am Ende eine realistische Einschätzung bekommen, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie tatsächlich mit SAP zurechtkommen werden. Vielleicht lässt sich ja sogar über eine Schulung für den Einstieg nachdenken.

Die Ehrlichkeit – vor der sich so viele scheuen – hat Ihnen am Ende nur eines beschert: Pluspunkte!

Und bei Ihnen?

Wie sieht das bei Ihnen aus? Welche Themen bereiten Ihnen Sorgen im Vorstellungsgespräch? Nehmen Sie sich 10 Minuten und schreiben Sie beide Varianten auf:

  • Was ist, wenn ich versuche, dieses Thema schön zu reden?
  • Und was ist, wenn ich die Wahrheit sage?
  • Und womit könnte ich dieses gefühlte Defizit ausgleichen?

Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir, zu welchen Ergebnissen Sie gekommen sind. Ganz ehrlich.

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